Bubbles

1 Dez

Seit Tagen lebe ich nun schon in einer Blase, abgeschnitten von der Außenwelt, stumm für Telefon und für Freunde, meine Wohnung ist mein Kokon. Ich war nicht in der Uni. Ich war nicht einkaufen. Ich war nicht arbeiten. Ich war nicht beim Zahnarzt.
Ich saß vorm Computer und habe die weichen Spekulatius gegessen, die du zurückgelassen hast, und habe virtuell Blasen zerschossen. Habe versucht, nicht zu denken.
Denn wenn ich denken würde müsste ich mich fragen, was überhaupt los ist. Ob es eine Trennung war, als du gegangen bist. Ob ich übertrieben habe. Ob du vielleicht Recht hast. Ob es darum gar nicht geht. Sondern darum, dass wir einfach nicht zusammen passen (neinneinneinneinneinnein).
Deshalb lasse ich weiter Blasen zerplatzen. Bunt und rund und sinnlos. Ich will nicht denken.  Ich brauche meine Blase, die mich stumpf werden lässt.

Aber die Außenwelt ruft mich. Bald.

Stadtansichten, oder: Der Geschmack von Schnee

30 Nov

Hier sitze ich nun und schaue dem Schneetreiben vor meinem Fenster zu. Die Flocken tanzen, wirbeln und heben sich hell von dem rötlich-grauen Nachthimmel ab. Die Welt wirkt verzaubert unter der weißen Decke – ein Bild, das schon Generationen von Menschen kaum anders zu beschreiben wusste. Doch ich rede hier nicht von sanften weißen Hügeln, auf denen ein paar großäugige Rehe äsen oder zugefrorenen Bächen. Mein Ausblick ist, wie es sich für eine richtige Städterin gehört, sehr urban. Der Hinterhof ist groß, doch die nächsten Häuser, circa hundert Meter entfernt, verdecken den Horizont. Aber ich habe einen Baum zwischen all den Garagen, eine richtige große Kastanie. Natürlich ist sie jetzt kahl, doch der Schnee lässt sie majestätisch weiß erstrahlen.
Einige Fenster mir gegenüber sind erleuchtet. Ich sehe Menschen, die emsig durch ihre Wohnungen rennen. Ob auch einige von ihnen den Flocken zusehen?
Ich frage mich allmählich, was du gerade machst. Kein Wort von dir, seit du gegangen bist. Ich vermisse deine Nähe und deine Fehler scheinen mir während deiner Abwesenheit gar nicht mehr so gravierend zu sein. Habe ich übertrieben? Oder spielt mir jetzt, angeleitet von meinem tückischen Herzen, meine Erinnerung einen Streich?
Mein Schatz (denn das wirst du immer sein), siehst auch du das Treiben des Schnees? Ich kann ihn noch immer auf den Lippen schmecken wie letzen Winter, als wir nachts aus dem Bett kletterten, um mitten auf der Straße Schneeengel zu machen. Das war schön.

Entzweit

29 Nov

Anschreien, bis keine Worte mehr existieren.

Weinen, bis keine Tränen mehr fließen.

Türen knallen, dass es noch stundenlang im Kopf nachhallt.

Sagen du sollst gehen, obwohl ich meine, bleib.

Mit dir nicht leben können, doch ohne dich nicht sein.

Sag doch einfach, alles wird gut, Kleine, ich bin ja da.

Ein Tag im Sommer

16 Sep

Vor ein paar Wochen machten sich meine Mutter und ich auf die Reise gen Norden, um meinen Bruder zu besuchen, der vor einiger Zeit dorthin gezogen war.

Ein Strandtag war eingeplant. Doch leider wollten die Gezeiten nicht so wie wir, und statt erfrischendem Meerwasser tat sich vor uns nur eine unendliche Weite grauen Schlamms auf. Das Watt ließ grüßen. Trotzdem wollte ich mir ein wenig Erfrischung an diesem heißen Sommertag nicht entgehen lassen, also überredete ich meinen Bruder, mit mir in den kühlen Schlick hinaus zu wandern. Wir nahmen uns also bei der Hand und machten uns auf den Weg. Prompt sanken wir bis zu den Knien in den Matsch ein und konnten uns kaum einen Schritt bewegen. Unter großer Mühe zogen wir tapfer ein Bein nach dem anderen aus der moorähnlichen Substanz, die uns anscheinend für immer dort festhalten wollte und nur unter Protest mit einem lauten Schmatzen gehen ließ. Wir kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus und irgendwann fingen wir an, uns mit dem Schlamm zu bewerfen. Wir fielen hin, beschmierten uns und lachten, bis uns der Bauch weh tat. Die Jahre fielen von uns ab.  Mein Bruder sah in meinen Augen nicht mehr aus wie ein Mann, sondern wie der flegelhafter Junge, der mit mir hinter dem Haus in der Lehmgrube gespielt hatte. Und auch ich war plötzlich wieder sieben und fühlte mich, wie schon immer mit ihm: wie ein Kind, glücklich und frei. Unsere Mutter stand die ganze Zeit mit der Kamera am Strand und photographierte unser kindisches Treiben. Es machte nichts, dass wir sie beide um einen Kopf überragten: wir waren wieder ihre Babys; und jeder Aspekt an dieser Tatsache gefiel uns dreien, als mein Bruder und ich wie Moorleichen über und über mit dunklem Schlamm bedeckt zum Strand zurückkehrten.

Abends im Hotelzimmer holte ich die Digitalkamera meiner Mutter hervor, um mir die Photos des Nachmittags anzuschauen. Ich traute meinen Augen kaum, als ich zwei große Menschen vor mir sah, die zusammen im Matsch spielten. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schock: wir sind keine Kinder mehr. Wir sind schon lange erwachsen.

Im Wandel der Zeit

28 Aug

Heute vor 105 Jahren war Deutschland ein Kaiserreich.

Heute vor 105 Jahren gab es einen Zar in Russland.

Heute vor 105 Jahren wusste niemand von den Schrecken des Krieges, die Europa in den nächsten Jahrzehnten heimsuchen sollte.

Heute vor 105 Jahren wurde mein Großvater geboren.

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Mir war früher nie bewusst, wie sehr sich doch die Welt, in der mein Großvater aufgewachsen ist, von der meinen unterscheidet. Und leider hatte ich nie die Chance, ihn danach zu fragen.

Mein Großvater war ein guter Mensch. Aber er war ein Kind seiner Zeit. Wie soll ein Mann, der in einer guten preußischen Familie aufgewachsen ist, verstehen, dass sich seine Tochter scheiden lässt? Dass sie gar ein zweites Mal heiratet?

Ich habe ihn kaum gekannt, denn er starb zwei Jahre nach meiner Geburt. Und ich frage mich, wie er die Welt heute erleben, bewerten würde.

Waren die 70er und 80er schon verwirrend für ihn, was würde er zum Jahr 2010 sagen?

War seine Tochter schon verwirrend für ihn, was würde er zu mir, seiner Enkelin sagen?

Würde er mein Leben dank seiner Erziehung als Sünde betrachten? Oder hätte er sich dem Wandel der Zeit angepasst?

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Ich frage mich, wie ich die Welt meiner Enkel erleben werde.

Ausgeträumt?

27 Aug

Neulich las ich in Ingja‘ s Blog einen Artikel über Träume, der mich zum Nachdenken anregte.

Was sind Träume?

Träume lassen hoffen, produzieren Ehrgeiz und lassen manchmal nur die Seele baumeln. Träume sind wichtig.

Doch was passiert, wenn Träume plötzlich wahr werden? Wenn die schiere Möglichkeit Realität ist? Wollen wir überhaupt, dass unsere Träume das Reich der Gedanken verlassen?

Friedrich Nowottny sagte Aus den Träumen von gestern werden manchmal die Albträume von morgen.

Die Frage ist einfach (die Antwort dagegen nicht!): Ist das, was wir uns wünschen auch das, was wir tatsächlich wollen?

Eine andere interessante Frage ist, ob es möglich ist, dass Träume „ausgehen“. Kann man so sehr resignieren, so hoffnungslos sein, dass man tatsächlich nicht mehr in der Lage ist, zu träumen?

Und wenn man wirklich alles erreicht hat, ist es möglich, buchstäblich wunschlos glücklich zu sein? Oder möchte der menschliche Verstand naturgemäß nicht immer mehr?

Träume sind wichtig. Doch nach jedem Traum gibt es ein Erwachen – auch nach dem erfüllten Traum (Sam Peckinpah).

European Arrogance

22 Aug

„Wie ist es eigentlich, in einem geteilten Land zu leben?“

Diese Frage wurde mir vor einigen Jahren in Neuseeland gestellt und bot immer wieder eine lustige Anekdote daheim in Good Old Germany.

Ja, wie unwissend und unkultiviert die Menschen in Übersee doch sind und was lernen die denn eigentlich in der Schule? ist die natürliche Reaktion eines jeden stolzen Bewohners des Abendlandes. Hmph, genau wie die Amis! (denn der Ami ist die ultimative Inkarnation des ungebildeten, ignoranten Nichteuropäers. Dumm bis unter die Haarspitzen des fetten Körpers.).

„Wie ist es eigentlich, in einem geteilten Land zu leben?“

Diese Frage lässt doch jedem gebildeten Einwohner der Alten Welt die Haare zu Berge stehen. Man muss doch wissen, was auf unserem schönen Kontinent so geschieht!

Aber mal ehrlich, Leute: WARUM???

Warum sollte es einen Menschen in Auckland, Sydney oder Chicago interessieren, was bei uns so abgeht?

Weil es zum Allgemeinwissen gehört! (Empörtes Luft-durch-die-Nase-ziehen!)

Zu wessen Allgemeinwissen? Zu unserem! Zum Europäischen! (Dem Ultimativen!)

Doch welche Berechtigung haben wir, einem 20.000 Kilometer entferntem Land auf der sprichwörtlichen anderen Seite unserer Erde zu diktieren, dass unser Allgemeinwissen ihr Allgemeinwissen, unsere Geschichte ihre Geschichte zu sein hat?

Ist es nicht ganz natürlich, im Geschichtsunterricht erst einmal die Geschichte des eigenen Landes durchzunehmen als die eines anderen? (Und glaubt mir, Neuseeland besitzt im Gegensatz zur natürlich ganz vorurteilsfreien europäischen Meinung eine faszinierende Geschichte!)

Ist es nicht ganz natürlich, sich mehr für die Belange des eigenen Landes zu interessieren als für die eines Landes, in dem man noch nie gewesen ist und wahrscheinlich auch niemals sein wird?

Und was wissen wir gebildeten Abendländler eigentlich über die schönen Staaten in Übersee?

Hier ein kleiner, eigentlich leichter Test:

  1. Wann und von wem wurde Neuseeland entdeckt?
  2. Zu welchem Kontinent gehört es?
  3. Wie heißen die Ureinwohner und kann man diese überhaupt als solche bezeichnen?
  4. Wie viele Einwohner hat Neuseeland und wie heißt die Hauptstadt?
  5. Wer oder was ist Anzac?
  6. Wie viele Staaten der USA kannst du aufzählen und wie heißen deren Hauptstädte?
  7. Was war die Boston Tea Party und wann fand sie statt?
  8. Wie viele US-amerikanische Präsidenten gab es bis heute und wie heißen sie?
  9. Welcher Europäer entdeckte als erstes den amerikanischen Kontinent und wann war das? (Tipp: Es war nicht Kolumbus!)
  10. Wer ist das Staatsoberhaupt von Kanada, Australien und Neuseeland?

So. Und wie viele Fragen wurden richtig beantwortet?

Ist ja auch nicht schlimm, wir wohnen schließlich in Tschörmänie und haben wichtigere Dinge zu wissen! Dinge, die uns wirklich etwas angehen und direkt betreffen. Dinge, die vor unserer Haustüre geschehen.

Aber sollten wir das nicht auch den Überseelern zugestehen, ohne sie gleich als dumm und ignorant abzustempeln?

Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung über etwas, das ich tatsächlich bedenklich finde:

Jeder US-Amerikanische Durchschnittsschüler wird sämtliche Präsidenten in der richtigen Reihenfolge herunterbeten können, ebenso die Bundesstaaten samt zugehöriger Hauptstädte. Ich frage mich hingegen, wie viele Deutsche die zahlenmäßig geringeren Bundesländer plus Hauptstädte aufsagen können und wer alle Bundeskanzler seit 1949 kennt…

Tja, die Frage, wie es ist, in einem geteilten Land zu leben, hat sich (wie ich gerüchteweise hörte!) seit einigen Jahren erledigt. Aber über die Frage wie es ist, auf einem arroganten Kontinent zu leben, muss ich mir wohl ernsthaft Gedanken machen…